Verkaufsoffener Sonntag bei EDEWA am 05.10.2014

Am 05. Oktober 2014 ist verkaufsoffener Sonntag in der Wanderausstellungsfiliale EDEWA, die Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes. Der temporäre Supermarkt, der Geschichte, Widerstand und Interaktion als elementare Wissensprodukte bietet, öffnet erneut seine Türen: kostenlos, ohne Rassismen und Sexismen und mit empowerndem Mehrwert.

Im Rahmen der Veranstaltung ”Ein Tag für Martin Luther King jr.” wird EDEWA im Haus der Berliner Festspiele zu sehen sein. EDEWA geht somit auf die Spur von Dr. King und interveniert dabei in das alltägliche Konsumverhalten, welches bis in die Kolonialzeit Deutschlands zurückreicht.

sie haben deinen traum konserviert

konserviert und verkauft, Bruder

postkarten und poster

dreizeiler in einem geschichtsbuch

I Have A Dream”

ein abgeschlossener roman”

(May Ayim, die zeit danach, in Blues in Schwarz Weiss 1995)

Ort: Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, 10719 Berlin, U Spichernstr

Zeit: 05.10.2014, von 15.30 – 22.00 Uhr

www.edewa.info

www.berlinerfestspiele.de

EDEWA - Ein Tag für Martin Luther King Jr.

Eröffnungsrede | EDEWA – Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstands

07.12.2013 Goldener Saal Rathaus Schöneberg, Berlin
Eröffnungsrede von Natasha A. Kelly

Dieser Beitrag ist am 21.01.2014 auf dem Blog von Natasha A. Kelly erschienen. 

Liebe Gäste,

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

anders als im Programm angekündigt werden  wir  heute keine Podiumsdiskussion führen – die  Gründe hierfür sind nicht ohne Bedeutung.  Dennoch möchte ich die Gelegenheit nicht  versäumen, euch (und Ihnen) etwas über uns,  EDEWA – die Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstands, über unsere Arbeit, die Idee, die dahinter steckt und die Motivation, die uns antreibt, zu erzählen.

Zuerst einmal möchte ich mich aber bei den Organisator_innen bedanken, v.a. bei Ute Knarr-Herriger, die den Mut bewiesen hat, uns als sozialkritische Arbeitsgruppe hier ins Rathaus Schöneberg einzuladen. Ebenso möchte ich mich bedanken bei unseren Koopertionspartner_innen Marika Schmiedt (Künstlerin und Aktivistin, die leider nicht anwesend sein kann) (http://www.marikaschmiedt.wordpress.com) und Saraya Gomis und Daniel Schmöcker (zwei Lehrer­_innen, die an Berliner Schulen tätig sind) (http://www.king-code.de). Sie alle tragen in diesem Jahr auf unterschiedliche Art und Weise zur Bereicherung unserer Ausstellung bei. Es freut mich auch im Anschluss an unsere Führung den musikalischen Support von Dodo Nkishi (http://www.nkishi.com) zu erhalten.

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

Der größte Dank gilt jedoch meiner Gruppe, die allen Herausforderungen zum Trotz wieder einmal „saugute“ Arbeit geleistet hat. Denn als ich meinen Freunden und Verwandten erzählte, dass ich unsere Ausstellung in einem Raum installiere, in dem bereits große Wandgemälde angebracht sind und wir daher weder in die Decke noch in die Wand einen Nagel schlagen dürfen, hielten sie die Idee für ziemlich absurd. „Welchen Sinn siehst du darin?“ fragten sie mich… Ich hoffe, dass ihr (und Sie), liebe Gäste, bis zum Ende des heutigen Abends (spätestens aber bis Ende der kommenden Woche) jede für sich selbst den Sinn versteht und den empowernden Mehrwert, den unser interaktiver Supermarkt bietet, im Gedanken mit nach Hause tragt.

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

Wer sind wir?

EDEWA ist eine Gruppe von 7 Personen, die  unterschiedliche soziale Positionen innerhalb  der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft  haben und dadurch unterschiedliche Privilegien  besitzen und/oder unterschiedlichen  Diskriminierungen ausgesetzt sind. Im Grunde  genommen könnten wir nicht unterschiedlicher  sein. Denn bedingt durch unsere  unterschiedlichen gesellschaftlichen  Positionierungen machen wir unterschiedliche Lebenserfahrungen und lernen aus unterschiedlichen Perspektiven Dinge zu sehen und/oder nicht zu sehen. Obwohl es nicht immer einfach war und reibungslos ablief, sind wir dennoch in den letzten zwei Jahren miteinander, aneinander, aber auch individuell gewachsen. Und ich möchte betonen, dass ohne das Zutun jeder einzelnen Person das Gelingen und mehrjährige Fortbestehen dieses Projekts nicht möglich gewesen wäre – dafür verdient ihr meinen Respekt und ich bedanke mich für euer Vertrauen!

Ich selbst positioniere mich als Schwarze Frau, Mutter und (wie der Name Kelly schon im Keltischen die Bedeutung trägt) Kriegerin. Ich verstehe mich als akademische Aktivistin, zwei Facetten meines Ichs, die jede für sich, aber nie getrennt voneinander betrachtet werden können. Neben meiner Person besteht die Gruppe aus einer weiteren Schwarzen Frau und jungen Mutter Siga Mbaraga, der Aktivistin, Mitbegründerin von der Paria und Romni Filiz Demirova (http://www.derparia.wordpress.com) und unseren 4 weißen Alliierten Natalie Wagner, Mike Korsonewski, Vanessa Gonsior und Valeria Rutz.

Wir verfolgen das gemeinsame Ziel durch unsere interaktive Ausstellung:

  • auf die ungleichen Machtverhältnisse innerhalb der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft aufmerksam zu machen. Dazu gehört vor allem die Sichtbarmachung von weiß als unsichtbarer Parameter, der die gesellschaftliche Norm bestimmt und das Leben eines jeden von uns tagtäglich beeinflusst
  • Erfahrungen mit Rassismen (und Sexismen), denen Schwarze Menschen, Roma und andere People of Color (und Women of Color) täglich ausgesetzt sind, zu enttabuisieren
  • Widerstandsgeschichten, die seit vielen Jahrhunderten auch in Deutschland gelebt werden (und wurden) bekannt zu machen
  • direkte Kritik an der mangelhaften Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte, v.a. im Kontext des kolonialen Warenhandels auszuüben.

Ich möchte (und könnte auch nicht) leugnen, dass zu bestimmten Zeiten diese, unsere Ziele sich uns selbst wie unüberwindbare Hindernisse in den Weg stellten, weshalb wir während unserer Zusammenarbeit stets herausgefordert waren, unsere eigenen Machtverhältnisse zu reflektieren und das eigene rassistische Verhalten, dass jede einzelne von uns in sich trägt (auch Sie, liebes Publikum) selbstkritisch in Frage zu stellen. Denn entgegen der allgemeinen Vorstellung ist Rassismus kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das alle Ebenen der deutschen Gesellschaft durchzieht…

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

EDEWA wurde im Rahmen des von mir  geleiteten Seminars „May Ayim – Schwarze  deutsche Feministin?“ am Zentrum für  transdisziplinäre Geschlechterstudien der  Humboldt Universität zu Berlin im  Sommersemester 2011 gegründet. Anlass zu  diesem Seminar bot die Umbenennung des  Gröbenufers in May-Ayim-Ufer in Berlin-  Kreuzberg im Jahr 2010. Vielen meiner  Student_innen war die Person May Ayim, sowie  die Geschichte der afrodeutschen oder  Schwarzen deutschen Bewegung zu diesem Zeitpunkt unbekannt. Es wurde nicht hinterfragt, warum weiße Menschen selbstverständlich als Deutsche wahrgenommen werden, während Schwarz und deutsch von der weißen Mehrheitsgesellschaft in vermeintlicher Konkurrenz zueinander gestellt werden.

Geleitet von den Fragen „Woher kommst du?“ und „Wann gehst du wieder zurück?“ wird uns, Schwarzen Menschen, Roma und anderen People of Color nach vielen Generationen in Deutschland noch immer das Deutschsein abgesprochen. Aufgrund einer vermeintlich biologischen und/oder kulturellen Zuordnung werden wir als „anders“ hergestellt, als „nichtdazugehörig“, als „fremd“ – markiert, kategorisiert und rassifiziert und schließlich und letztendlich an den Rand der Gesellschaft gedrängt, wo unser Leben vom Alltagsrassismus bestimmt wird.

Mit EDEWA wollten wir den Alltagsrassismus sichtbar machen, aber auch Strategien entwickeln und anbieten, mit den eigenen Rassismen und mit den eigenen Rassismuserfahrungen umzugehen. Also re_konstruierten wir einen Supermarkt, in dem Geschichte, Widerstand und Interaktion als elementare Wissenselemente verknüpft und die Konsumprodukte zu Objekten der kritischen Auseinandersetzung gemacht werden. Denn obwohl Supermärkte trivialer kaum sein könnten, spiegeln sie, wie kein anderer Ort, die Alltäglichkeit von Rassismen und Sexismen in Deutschland wider.

Photo by Paula Carralero

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Mit einem Brief an die Edeka-Gesellschaft, die sowohl im Kolonialismus als auch im Nationalsozialismus enge wirtschaftliche Verbindungen zu den jeweiligen Herrschaftssystemen pflegte, intervenierten wir 2012 gegen die andauernden kolonialrassistischen Geschäftspraktiken des Unternehmens, die sich in Produktnamen wie z.B. „Zigeuner“-Sauce zeigen. Des Weiteren kehrten wir bei der Gestaltung unserer (Ausstellungs-) Produkte die Perspektive um, wie beispielsweise den Vermarktungsprozess, so dass wirkmächtige Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse, die Herstellung und Verkauf bestimmen, sichtbar werden. Zwar erhielten wir bis heute keine Antwort auf unser Schreiben, dennoch können wir mit Bestimmtheit sagen, dass unsere Ausstellung zu einer Sensibilisierung bei unseren Besucher_innen geführt hat.

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

In diesem Jahr führen wir unsere Kritik fort. Nicht  nur haben wir unsere Produktpalette um  einige Exponate erweitern können (an dieser  Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön  an alle Kreativen!!). Es freut uns auch sehr  einige Plakate der Künstlerin und Aktivistin  Marika Schmiedt aus Österreich zeigen zu  dürfen, um auf diese Weise auf die rassistischen Missstände der Unternehmensgruppe Unilever  aufmerksam machen zu können: Im Oktober  2013 schickte das Unternehmen Unilever-Austria  eine Mail mit dem Betreff „Die aktuelle Zigeunerproblematik/ Ausstellung in Linz“ an Marika Schmiedt, in der das Unternehmen mit Klagen droht, sollte die Künstlerin zukünftig ihre Collagen bezüglich der rassistischen Produkte von Knorr, das zur Unilever-Gruppe gehört, in der Ausstellung „Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa“ zeigen.

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

EDEWA bezieht öffentlich Stellung dazu, dass Kritik an der Verwendung von „Zigeuner“ als Geschmacksrichtung zensiert und der Vorwurf der Rufschädigung erhoben wird und verfolgt ebenso wie die Künstlerin und Aktivistin Marika Schmiedt das Ziel, rassistische Kontinuitäten aufzudecken, die sich auch in der Benennung von Produkten in Supermärkten widerspiegeln und zur Tradierung und Verfestigung von Rassismen führen. Auf diese Weise zeigen wir unsere Solidarität mit Roma in Europa und laden am 13.12. um 18 Uhr zu einem Informationsabend mit Filiz Demirova und Georgel Caldararuein. Denn wie die Schwarze US-amerikanische Wissenschaftlerin, Autorin und Poetin Audre Lorde einst schrieb:

„[n]iemand außer uns selbst wird uns befreien, hier wie dort. So ist unser gemeinsames Überleben nicht zu trennen, selbst wenn die Bedingungen, unter denen wir kämpfen, voneinander abweichen” (Zitat).

[Pause]

In diesem Sinne möchte ich euren (und Ihren) Blick noch einmal auf das historische Rathaus lenken und auf den Golden Saal, in dem wir uns befinden. Es war vom Balkon des Nachbarzimmers, von dem der ehemalige weiße US-amerikanische Präsident John F. Kennedy seine berühmte Rede „Ik bin ein Berliner!“ hielt; es war im Goldenen Buch dieses Hauses, in das der Schwarze Aktivist und Menschenrechtler Dr. Martin Luther King jr, sich verewigte. Und ebenso wie Dr. King davon träumte, dass sein Land, die Vereinigten Staaten von Amerika eines Tages alle Menschen gleichwertig behandeln würde, so lebt in uns die Hoffnung, dass sein Traum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch hier in Deutschland Wirklichkeit werden wird. In uns lebt die Hoffnung, dass wenn nicht wir, dann spätestens unsere Kinder die Ernte unserer Saat einholen werden.

Photo by Paula Carralero

Photo by Paula Carralero

Aus diesem Grund freut es uns ganz besonders die Lehrer_innen Saraya Gomis und Daniel Schmöcker zu unserer Abschlussveranstaltung am 14.12. begrüßen zu dürfen. Gemeinsam mit den jugendlichen Teilnehmer_innen ihrer Projektgruppe „Martin Luther King“ werden sie im Rahmen von EDEWA die Spuren von Dr. Martin Luther King jr. aufdecken und seine Bedeutung im aktuellen Kampf gegen Rassismus hier und heute aufzeigen. So seid (seien Sie) gewiss, dass das Ringen um Freiheit, das bereits vor vielen Hunderten von Jahren begann, auch von den nächsten Generationen fortgetragen werden wird.

Bevor Filiz, Natalie und ich Sie nun durch die Ausstellung führen, möchte ich meine einleitende Rede mit einem Gedicht von May Ayim aus dem Jahr 1987 schließen:

von einer die noch lebt an einen der schon tot ist

gedicht in erinnerung an Martin Luther King

die zeit danach

(von May Ayim)

daß es eines tages anders sein wird

besser

das hast du geträumt, Bruder

schwarz wie mitternacht blutrot und grün

wie die bäume

die bald nicht mehr stehen

– die wahren farben

malen vielleicht nur kinder

im mutterleib

vielleicht –auch ich habe einen traum, Bruder

daß menschen eines tages

nicht mehr schreiend zur welt kommen

sondern lachend

lachend

in regenbogenfarben

ich trage meinen traum

hinter

erhobener faust

gegen den tod und für die zeit danach

denn

reden hilft kaum noch, Bruder

sie nennen das meinungsfreiheit

und auch demonstrationen und protestmärsche

die brauchen sie

für ihre demokratie

und machen weiter und machen weiter

und machen weiter

sie haben deinen traum konserviert

konserviert und verkauft, Bruder

postkarten und poster

dreizeiler in einem geschichtsbuch

»I Have A Dream»

ein abgeschlossener roman

sie haben

vergangenheit daraus gemacht

weiß wie tränensalz

und da wo ich lebe

würden sie es »bewältigt» nennen, Bruder

ich trage meinen traum

hinter

erhobener faust

in pfefferfarben

und fange ganz klein an

fange endlich an

mit meiner schwester

und meiner freundin an der hand mit

meinen brüdern und

wenn es sein soll

auch allein

– damit es endlich anders werden

muß!

ich habe einen traum

da kommen menschen nicht mehr schreiend

zur welt

und eine vision

da lieg ich mit friedlichen augen

und einen loch im kopf

AMEN – A LUTA CONTINUA

 1987

für Linton

und John

EDEWA meets The King-Code Project

EDEWA meets The King-Code Project

14.12.13, 18 Uhr , Goldener Saal, Rathaus Schöneberg

Der historische Ort der diesjährigen EDEWA Ausstellung bietet Anlass gemeinsam mit den jugendlichen Teilnehmer_innen des King-Code-Projekts auf Spurensuche von Dr. Martin Luther King jr. zu gehen. Denn es war vom Balkon des Nachbarzimmers, dass der ehemalige weiße US-amerikanische Präsident John F. Kennedy seine berühmte Rede „Ik bin ein Berliner!“ hielt; es war im Goldenen Buch dieses Hauses, in das der Schwarze Aktivist und Menschenrechtler Dr. Martin Luther King jr. sich verewigte. Und wie einst May Ayim in Erinnerung an King sagte: „sie haben deinen traum konserviert/konserviert und verkauft, Bruder/postkarten und poster/dreizeiler in einem geschichtsbuch/»I Have A Dream»/ein abgeschlossener roman“, so werden wir gemeinsam im Rahmen von EDEWA Kings Bedeutung im aktuellen Kampf gegen Rassismus hier und heute aufzeigen.

Dr. M. L. King jr. schreibt ins goldene Buch des Rathaus Schöneberg

Dr. M. L. King jr. schreibt ins goldene Buch des Rathaus Schöneberg

Widerständige Roma Positionen

„WARUM WOLLEN SIE UNS ESSEN?” – im Rahmen der Wanderausstellung EDEWA.

Präsentationsabend und Diskussion zur Diskriminierung von Roma in Europa.
Mit Filiz Demirova und Georgel Caldararu (Der Paria – Politik von unten!), in Zusammenarbeit mit Marika Schmiedt.
Zwar wird die Künstlerin und Aktivistin Marika Schmiedt nicht anwesend sein können, jedoch werden ihre Plakate „Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa.“ im Ausstellungsraum zu sehen sein.

Freitag, 13. Dezember, 18.00 Uhr
Rathaus Schöneberg
(John F. Kennedy Platz 1, 10825 Berlin)

Wanderausstellung EDEWA
http://www.edewa.info/wanderausstellung-edewa-wird-im-rathaus-schoneberg-gezeigt/
Der Paria
http://www.derparia.wordpress.com
Marika Schmiedt
http://www.marikaschmiedt.wordpress.com

© Marika Schmiedt

© Marika Schmiedt

 

WARUM WOLLEN SIE UNS ESSEN?

[English below]

WARUM WOLLEN SIE UNS ESSEN?

von Filiz Demirova, EDEWA – Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes, Der Paria | Politik von unten!

Dieser Artikel ist am 30.11.2013 in VERSORGERIN – Zeitung der Stadtwerkstatt, Ausgabe #100, Dezember 2013, erschienen. 

Obwohl Supermärkte trivialer kaum sein könnten, spiegeln sie, wie kein anderer Ort, die Alltäglichkeit von Rassismen und Sexismen wider. EDEWA – Einkaufs-genossenschaft Antirassistischen Widerstands – ist eine Wanderausstellungsgruppe, die im Jahr 2011 in Berlin gegründet wurde. Das Zentrum unserer Arbeit bildet eine Ausstellung, bestehend aus einem re_konstruierten Supermarkt, in dem Geschichte, Widerstand und Interaktion als elementare Wissenselemente verknüpft und die Konsumprodukte zu Objekten der kritischen Auseinandersetzung gemacht werden.

Mit einem Brief an die Edeka-Gesellschaft,(1) die sowohl im Kolonialismus als auch im Nationalsozialismus enge wirtschaftliche Verbindungen zu den jeweiligen Herrschaftssystemen pflegte, intervenierten wir 2012 gegen die andauernden kolonialrassistischen Geschäftspraktiken des Unternehmens, die sich in Produktnamen wie z.B. „Zigeuner“-Sauce zeigen. Des Weiteren kehren wir bei der Gestaltung unserer (Ausstellungs-) Produkte die Perspektive um, wie beispielsweise den Vermarktungsprozess, so dass wirkmächtige Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse, die Herstellung und Verkauf bestimmen, sichtbar werden, z.B. „Der Deutsche Kolonialkaffee von Imperial“.

EDEWA bezieht Stellung dazu, dass Kritik an der Verwendung von „Zigeuner“ als Geschmacksrichtung zensiert und der Vorwurf der Rufschädigung erhoben wird, wie es momentan in Österreich geschieht: Im Oktober 2013 schickte das Unternehmen Unilever-Austria eine Mail mit dem Betreff „Die aktuelle Zigeunerproblematik/ Ausstellung in Linz“ an die Künstlerin und Aktivistin Marika Schmiedt, in der das Unternehmen mit Klagen droht, sollte die Künstlerin zukünftig ihre Collagen bezüglich der rassistischen Produkte von Knorr, das zur Unilever-Gruppe gehört, in der Ausstellung „Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa“ zeigen.

Wesentlicher Bestandteil von Marika Schmiedts Kunst ist das Aufdecken von Kontinuitäten rassistischer Praxis, die sich auch in der Benennung von Produkten in Supermärkten widerspiegeln und zur Tradierung und Verfestigung von Rassismen führen. So zeigen ihre Graphiken beispielsweise eine Persiflage des Klischees vom „lustigen Zigeunerleben“ oder bringen das „Zigeunerschnitzel“, die „Zigeunerwürstel“ oder das „Paprika-Gulasch nach Zigeuner-Art“ mit der berechtigten Frage in Verbindung: „Warum wollen Sie uns essen?“. Die Verwendung der rassistischen Fremdbezeichnung von Roma zur Benennung von Speisen sowie mehrere Begriffe im Schreiben von Unilever sind an Termini der historischen Unterdrückung und Verfolgung angelehnt und decken sich mit der Sprache, die bei aktueller Hetze gegen Roma verwendet wird. Der „Verband der Hersteller kulinarischer Lebensmittel“ hingegen behauptet, „allgemein ist der Begriff „Zigeuner“ in Bezug auf Lebensmittel ein traditioneller Begriff, mit dem eine bestimmte Geschmacksrichtung (ungarisch, scharf, mit Paprika und/oder Zwiebeln) verbunden wird.“

© Marika Schmiedt

© Marika Schmiedt

Der verdrehte Fokus auf die Position der Mehrheitsgesellschaft und die Behauptung, mit der diskriminierenden Bezeichnung sei eine bestimmte „Geschmacksrichtung“ verbunden, ist absurd. Im Gegensatz zu verbreiteten Auffassungen etablierte sich der Begriff im deutschsprachigen Raum nicht zu Beginn des 19.Jahrhunderts, sondern erst in den 1950er Jahren als Bezeichnung für eine Soße. Unilever hat den Begriff bewusst übernommen – 10 Jahre nach dem Genozid an Roma, der bis dahin noch nicht als solcher von der Bundesrepublik anerkannt war und den überlebenden Roma das Recht auf Reparationen und Staatsbürgerschaft verweigerte.

Gegenwärtig findet in vielen Ländern Europas mediale Hetze gegen Roma statt, bei der Vorurteile und Klischees verbreitet werden, welche zumeist zu Pogromen und Polizeigewalt führen. Gerade weil Roma immer noch verfolgt werden ist es gerechtfertigt, dass sie ihre Rechte einklagen und gegen die diskriminierenden und hetzerischen Wahrnehmungen auch rechtlich vorgehen.

Statt die Kritik der Betroffenen anzuerkennen sieht Unilever sich in der Position, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen und mit Repression und Zensur zu drohen. Mit Einschüchterungen soll verhindert werden, dass Roma ihre Rechte einfordern und durchsetzen. So wird systematisch daran gearbeitet, dass Roma gar nicht erst daran denken, dass ihnen diese Rechte zustehen. Anders lässt sich nicht erklären, dass Unilever unter Androhung und Repression behauptet, es sei unrecht, wenn Roma sich Rassismus widersetzen. Dabei muss das Unternehmen damit rechnen, dass (künstlerischen) Protesten Angriffsfläche geboten wird, sofern trotz öffentlichen Widerstands weiterhin rassistische Produktbezeichnungen verwendet werden.

Im August 2013 forderte das Forum Sinti und Roma die HerstellerInnen auf, die Soße umzubenennen. Das wurde zwei Monate später abgelehnt. Damit zeigte sich ein weiteres Mal, dass Kritik und Forderungen von Roma systematisch ignoriert und ihre Perspektive auf die deutsche und österreichische Geschichte ausgeblendet werden.

Der Unilever-Konzern schlug auch in der Vergangenheit aus Kolonialismus und Faschismus Kapital. Das ursprüngliche Unternehmen wurde 1888 gegründet, wuchs zur Zeit des (u.a. deutschen) Kolonialhandels beträchtlich, beteiligte sich im 20. Jahrhundert während der beiden von Deutschland ausgehenden Kriege an der Produktion von sog. „Kriegsartikeln“ (1917/18) und akzeptierte SS-Offiziere in der Geschäftsleitung (1941). Unter letzteren war Karl Blessing, Reichsbankdirektor und Mitglied des Freundeskreises des Reichsführers SS.(2) Nach 1945 war der Nationalsozialist Günther Bergemann, früherer Ministerialdirigent im Reichswirtschaftsministerium und inzwischen in Jugoslawien gesuchter Kriegsverbrecher, Geschäftsführer der Margarine-Union GmbH (Unilever-Konzern) und Mitglied der Geschäftsleitung der westdeutschen Unilever-Gruppe.(3) Eine kritische Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte hat bei Unilever bis heute nicht stattgefunden. Stattdessen bedient sich der Konzern weiterhin rassistischer Klischees und Begriffe um die eigenen Produkte zu vermarkten. Auch das Knorr-Unternehmen macht mit rassistischen Klischees Profite,(4) zumal die Geschichte dieser Firma ebenfalls unaufgearbeitet ist: Im Krieg 1914 sicherte sich Knorr lukrative Aufträge mit der Lieferung von Feldrationen, die bezeichnenderweise nach deutschen Kolonialverbrechern und Nationalsozialisten (Hindenburg-Suppe und Ludendorff-Suppe) benannt wurden.

Es sind Praxen der Profiteure des Kolonialwarenhandels, kritische und widerständige Stimmen einzuschüchtern und Aufklärung gezielt zu verhindern, um u.a. davon abzulenken, dass Rassismus und Ausbeutung zu Unternehmensgewinnen beitragen. Während Unilever als Konzern mit einer Quasi-Monopolstellung über finanzielle Mittel und eine starke Lobby verfügt, haben Roma keine Lobby, die sie bei der Durchsetzung von Rechten stützt. Das Unternehmen Unilever ist weltweit einer der größten Hersteller von Verbrauchsgütern, während der Großteil von Roma in Europa unter der Armutsgrenze lebt und diesen Menschen existentielle Menschenrechte verweigert werden.

In ihrem Schreiben behauptet Unilever sich verpflichtet zu haben, „im Sinne eines kompromisslosen Bekenntnisses zu Integrität und Respekt“ alle Menschen gleich zu behandeln. Gleichzeitig werden die Forderungen nach einer Selbstbezeichnung, ein wesentliches Merkmal der Menschenwürde, ignoriert und zensiert.

Eine weitere, als systematisch zu beobachtende Praxis der von Rassismus profitierenden Unternehmen ist es, unkritische Roma-Positionen für eigene Zwecke als Legitimation zu verwerten. So jedenfalls praktiziert es der „Verband der Hersteller kulinarischer Lebensmittel“ derzeit mit der unkritischen Position des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. „Die aktuelle Diskussion, an der sich der Stellvertretende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma beteiligt hat, zeigt uns dass der Begriff „Zigeuner“ im kulinarischen Bereich unverändert als Hinweis auf eine bestimmte Geschmacksrichtung/ Rezeptur verstanden wird.“

Mit Blick auf die Geschichte des Unilever-Konzerns und die Tatsache, dass die rassistische Bezeichnung „Zigeunersauce“ aus den 1950er Jahren im deutschsprachigen Raum bewusst übernommen wurde, wird eine Umbenennung umso erforderlicher.

  1. „EDEKA“ bezieht sich auf die Einkaufsgenossenschaft E.d.K. (deutscher Kolonialwarenhandel). Der Kolonialwarenhandel war ein großer Antrieb für den deutschen Kolonialismus. 1898 schlossen sich 21 koloniale Vereine aus ganz Deutschland zusammen. Seit 1907 gibt es den Namen „EDEKA“. Der Nationalsozialist Paul König war von 1937 bis 1966 EDEKA-Vorsitzender.
  2. Karl Blessing war vor 1945 Generalreferent im Reichswirtschaftsministerium; Reichsbankdirektor; Mitglied des „Freundeskreises des Reichsführers SS“; Geschäftsführer der Margarine-Verkaufsunion GmbH, Berlin (Unilever-Konzern); Vorstand der Aktiengesellschaft für Fettindustrie, Wien, Continentale Oel AG, Berlin; Vorsitzender des Aufsichtsrates der „Nordsee“ Deutsche Hochseefischerei AG, Wesermünde, und Inhaber weiterer Aufsichtsratsmandate als auch Mitglied des engeren Beirates der Reichsbank. Nach 1945 war er Präsident der Deutschen Bundesbank; Deutscher Gouverneur im Internationalen Währungsfonds, Washington und Mitglied des Verwaltungsrates der Bank für internationalen Zahlungsausgleich, Basel.
  3. Dr. Günther Bergemann war vor 1945 Ministerialdirigent im Reichswirtschaftsministerium; er wirkte maßgeblich an der Ausplünderung der okkupierten Länder Frankreich, Norwegen und Jugoslawien mit. Nach 1945 stand er auf der jugoslawischen Kriegsverbrecherliste Nr. 56/51 und war Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr a. D.; Geschäftsführer der Margarine-Union GmbH, Hamburg, (Unilever-Konzern) und Mitglied der Geschäftsleitung der westdeutschen Unilever-Gruppe.
  4. Neben der rassistischen Bezeichnung der Grillsoße vermarktet Knorr auch weitere Soßen, die u.a. nach Regionen oder Ländern benannt sind, mithilfe von exotisierenden Bildern / Beschreibungen und rassistischen Klischees z.B. Knorr Karibik Sauce „Wir laden Sie ein die Karibik zu entdecken! Mit der Knorr Karibik Sauce können Sie sich karibisches Feeling nach Hause holen.“ Aufzurufen die Karibik zu „entdecken“ ist zum einen eine Bagatellisierung der Kolonialverbrechen, zum anderen hat Kolumbus die Karibischen Inseln nicht „entdeckt“. Dort lebten bereits Menschen seit tausenden von Jahren. An den Folgen der Kolonialisierung leidet die Bevölkerung in der Karibik bis heute.

Literatur:
Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik (Hrsg.): Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin. Berlin, 1968.

 

WHY DO YOU WANT TO EAT US?

by Filiz Demirova, EDEWA – Purchasing Cooperative of Anti-racist Resistance, Der Paria | Politik von unten!

This article was published on November 30th, 2013, in VERSORGERIN – Zeitung der Stadtwerkstatt, Issue #100, December 2013.

Even though supermarkets are considered to be more than trivial, they reflect the everyday occurrence of racisms and sexisms like no other space in society. This simple idea led to the foundation of “EDEWA – Purchasing Cooperative of Anti-racist Resistance”, a touring exhibition group initiated in Berlin in 2011. One main focus of our work is an exhibition which consists of a redesigned supermarket which connects history, resistance and interaction as elementary products of knowledge, so that these become objects of critical discussion.

In 2012 we sent a letter to the EDEKA corporation,(1) which maintained close economic ties to the respective regimes both during Colonialism and National Socialism, with the aim to intervene in the corporation’s continuous colonial racist business practices which become evident in product names such as „gypsy-sauce”. Furthermore, we reversed the normative perspective on these products by creating our own (exhibition-) products, which, e.g., reflect marketing processes, so that influential power and inequality relations which dominate production and sales become visible. This resulted in art products like „German Colonial Coffee by Imperial“, for example.

In support of artist and activist Marika Schmiedt, EDEWA publicly takes a stand against the censorship of the criticism against the use of the term „Gypsy“ as a flavor and against the accusations against Schmiedt of reputational damage toward the company which is taking place in Austria at the moment: In October 2013, the Unilever-Austria corporation sent a  letter with the subject matter “The current gypsy problem / Exhibition in Linz” to artist and activist Marika Schmiedt in which the corporation threatens to file a lawsuit against her if she continues to show her collages of racist products by Knorr, a company which belongs to the Unilever-Group, in her exhibition “Thoughts are free. Anxiety is Reality for Roma in Europe” in the future.

An essential goal of Marika Schmiedt’s art is to uncover continuities in racist practices, which are also reflected in product names in supermarkets and lead to continuation and consolidation of racisms. Her graphics show, for instance, a parody of the cliché of the “funny gypsy life” or of the “Gypsy schnitzel”, the “Gypsy sausage” or the “pepper goulash gypsy-style”, images which ask the legitimate question: „Why do you want to eat us?“. The use of this racist term for Roma as a name for food as well as various other racist terms used in the letter by Unilever are based upon historical oppression and persecution which are in line with the type of language that is used in current hate campaigns against Roma today. The “Association of Manufacturers of Culinary Food”, however, claims that “in general, the term “Gypsy,” in relation to food, is a traditional term associated with a particular flavor (Hungarian, hot, with peppers and / or onions).”

© Marika Schmiedt

© Marika Schmiedt

The twisted focus on the position of mainstream society and the claim that the discriminatory term is associated with a certain “flavor” is absurd. Contrary to popular belief, the term was not established in the German-speaking region as the name of a sauce at the beginning of the 19th century, but rather in the 1950s. Unilever has consciously adopted the term – 10 years after the genocide of Roma, which at the time was not acknowledged as such by the Federal Republic of Germany or Austria. Therefore the surviving Roma were denied the right to reparations and citizenship.

Currently media hate campaigns against Roma take place in many European countries, and prejudices and stereotypes are widely spread, which often lead to pogroms and police brutality. Since Roma are still being persecuted, insistence on rights and legal fights against discriminatory practices and hateful prejudices are of great importance.

Rather than to acknowledge the criticism of those who are affected by racism, Unilever attempts to silence critical voices and threatens them with repression and censorship. Intimidation is used to prevent Roma from demanding and enforcing their rights. This way, the company systematically ensures that Roma do not even think about the fact that they are entitled to these rights. There is no other explanation for the fact that Unilever, under threats and repression, claims that it is wrong for Roma to resist racism. Moreover, the company must accept that (artistic) protests are given an easy target, provided that they continue to use racist product names despite public opposition.

In August, 2013, the Forum Sinti and Roma called upon the manufacturers to rename the sauce. This was rejected two months later. Thus it became evident again that criticism and claims of Roma are systematically ignored and their perspective on German and Austrian history is omitted purposely.

The Unilever Group has already gained remarkable capital from Colonialism and Fascism in the past. The original company was founded in 1888 and grew considerably in the time of colonial trade – also by Germany.

During the two wars which Germany started, the group was involved in the production of so-called “Kriegsartikel” (1917/18) and accepted SS officers on the company management board (1941). Among the latter was Karl Blessing, director of the German Reichsbank and member of the ‘Friends of the Reichsführer SS.’ (2) After 1945, the National Socialist Günther Bergemann, former Assistant Secretary in the Reich Ministry of Economics and by now a wanted war criminal in Yugoslavia, was General Manager of Margarine Union GmbH (Unilever) and a member of the West German Unilever Group.(3) Unilever has not dealt with its company history until today. Instead, the company continues to use racist stereotypes and terms to market their products. The Knorr company profits from these racist stereotypes as well,(4) especially since the history of this company has also not been dealt with critically: During the war in 1914, Knorr secured lucrative contracts for the supply of field rations, which were named, significantly, after German colonial criminals and Nazis (Hindenburg soup and Ludendorff soup).

It was common practice of the beneficiaries of colonial trade to intimidate critical and resisting voices in order to prevent exposure and to distract, amongst other things, from the fact that racism and exploitation contribute to corporate profits. While the Unilever Group has acquired a quasi-monopoly and possesses immense financial resources and a strong lobby, Roma have no lobby to support themselves in the fight for their own rights. The Unilever Company is one of the largest manufacturers of consumer products worldwide, whereas the majority of Roma in Europe live below the poverty line, and are denied existential human rights.

In their letter to Schmiedt Unilever claims to treat all human beings equal “in the sense of an uncompromising commitment to integrity and respect”. At the same time, the group demands for the recognition of self-designated labels – the essential feature of human dignity – is ignored and censored.

Another systematic practice of the companies which benefit from racism is to utilize uncritical Roma positions to legitimate their own purposes. At least, this is the current practice of the “Association of Manufacturers of Culinary Food” which uses the uncritical position of the Central Council of German Sinti and Roma: “The current debate, with the involvement of the Central Council of German Sinti and Roma’s deputy, shows that the term “Gypsy” in a culinary context is still understood as an indication of a certain flavor/recipe.”

Considering the history of the Unilever Group and the fact that the racist term “gypsy sauce” was adopted deliberately in German-speaking countries in the 1950s, a renaming of such products is all the more necessary.

  1. The current company name “EDEKA” is actually a modification of the company’s original name E.d.K. (Einkaufsgenossenschaft deutscher Kolonialwarenhändler / purchasing association for dealers of colonial goods). Trading with colonial goods was a huge motor for German colonial expansion. In 1898, 21 colonial societies from all over Germany united. Since 1907 the name EDEKA is being used. German National Socialist Paul König was EDEKA’s chairman from 1937 to 1966.
  2. Before 1945, Karl Blessing was chief advisor at the German Ministry of Economic Affairs; director of the German central bank; member of the “circle of friends of the Reichsführer SS”; chief executive at the Margarine Verkaufsunion GmbH, Berlin (Unilever); head of the stock company for the grease industry, Vienna, Continentale Oel AG, Berlin; head of the board of directors of “Nordsee” Deutsche Hochseefischerei AG, Wesermünde and member of several other boards of directors, as well as member of the advisory panel for the German national bank. After 1945, he was president of the German Central Bank; Germany’s governor at the International Monetary Fund, Washington and member of the administrative board of the Bank for International Settlements, Basel.
  3. Dr. Günther Bergeman was head of section at the German ministry of economic affairs before 1945 and he was also co-responsible for plunderings in France, Norway and Jugoslavia. After 1945, he was on the Jugoslav list of war criminals as no. 56/51 and he was secretary of state at the German ministry for transportation. He also was executive director of the Margarine-Union GmbH, Hamburg (Unilever) and member of the executive board for the West German company branch of Unilever.
  4. Besides using a racist term for their barbeque sauce, Knorr sells other sauces which are named after geographical regions or countries. By using exoticizing images, descriptions and racist clichés, e.g. the Knorr Karibik Sauce (Caribbean sauce): “We invite you to discover the Caribbean! With the Knorr Karibik Sauce you can bring Caribbean feelings to your home.” This proposal to “discover” the Caribbean trivializes colonial crimes. Also, Columbus did not “discover” the Caribbean islands – people had been living there for thousands of years. Caribbean people have to suffer the consequences of colonialism until today.

Literature:

Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik. Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin. Berlin: Staatsverlag der DDR. 1968. Print.

Wanderausstellung EDEWA wird im Rathaus Schöneberg gezeigt / Touring Exhibition EDEWA on Display at Berlin’s Town Hall in Schöneberg

[English below]

Pressemitteilung                                                                                              Berlin, 18.11.2013

>Wanderausstellung EDEWA wird im Rathaus Schöneberg gezeigt<

EDEWA | Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes

Geschichte, Widerstand, InteraktionLogo_Edewa

 Ab dem 07. Dezember 2013 öffnet Berlins erste Wanderausstellungsfiliale EDEWA, die Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes, zum zweiten Mal ihre Türen. Ein temporärer Supermarkt, der Geschichte, Widerstand und Interaktion als elementare Wissensprodukte bietet: kostenlos, ohne Rassismen und Sexismen und mit empowerndem Mehrwert.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe CrossKultur 2013 des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg wird die Wanderausstellungsfiliale im Goldenen Saal im Rathaus Schöneberg zu sehen sein. EDEWA geht somit auf die Spur von Dr. Martin Luther King jr. und interveniert in das alltägliche politische Geschehen dieses historisch bedeutsamen Ortes, welches bis in die Kolonialzeit Deutschlands zurückreicht.

Anknüpfend an die positive Resonanz der Ausstellungsrunde 2012 und mit erweiterter Produktpalette verfolgen wir weiterhin einen interaktiven Ansatz. Die Kund_innen werden zu Ausstellungsbesucher_innen, der Raum zum re_konstruierten Supermarkt, die Produkte zu Objekten der kritischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig können Besucher_innen vom historischen Widerstand einzelner Feministinnen lernen, der nicht nur in der Tradition Martin Luther Kings steht, sondern auch widerständige Positionen von Roma thematisiert.

Wir freuen uns über die Kooperation mit der Künstlerin und Aktivistin Marika Schmiedt. Es werden Plakate ihrer Ausstellung „Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa.” in unserem Ausstellungsraum und -programm präsentiert. Filiz Demirova und Georgel Caldararu [von Der Paria. Politik von unten!] werden am Freitag, 13.12.13, das Programm mit dem Informationsabend „WARUM WOLLEN SIE UNS ESSEN?” ergänzen und laden zur Diskussion ein. Die Finissage am Samstag, 14.12.13, gestalten wir mit der multimedialen Schul-/ Jugendgruppe “Martin-Luther-King-Code-Projekt“ unter der Leitung von Saraya Gomis und Daniel Schmöcker.

Ausstellungort: Rathaus Schöneberg, U Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz 1

Öffnungszeiten

So 14-17 Uhr
Mo 11-16 Uhr
Di-Fr 12-18 Uhr
Sa 16-18 Uhr

Kontakt für Presse und Rückfragen zum Ausstellungsprojekt, Führungen, Fotos:                Natasha A. Kelly, Edewa@gmx.de, Telefonnummer: 01738399132

Mehr Infos unter:  www.EDEWA.info
Facebook:              www.facebook.com/EDEWA2012

Programm:

Vernissage Samstag, 07.12.13, 18 Uhr Eröffnung durch Natasha A. Kelly, Projektleitung EDEWA, und Jutta Kaddatz, Stadträtin für Bildung, Kultur und Sport

Freitag, 13.12.13, 18 Uhr „WARUM WOLLEN SIE UNS ESSEN?” – Präsentation und Diskussion mit Filiz Demirova und Georgel Caldararu (Der Paria, www.derparia.wordpress.com, in Zusammenarbeit mit Marika Schmiedt, www.marikaschmiedt.wordpress.com)

Finissage Samstag, 14.12.13, 18 Uhr, Gastvorträge durch Vertreter_innen der King-Code Projekt Gruppe unter Leitung von Saraya Gomis und Daniel Schmöker (online unter www.king-code.de)

 

In Zusammenarbeit mit

Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin
Abt. Bildung, Kultur und Sport
Amt für Weiterbildung und Kultur
Dezentrale Kulturarbeit

Logo_Dezentrale_kulturarbeit

 

 

 

 

CrossKultur 2013 – Eine Veranstaltungsreihe
des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg
http://www.cross-kultur.de/

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Press Release                                                                                Berlin, November 18th, 2013

>Touring Exhibition EDEWA on Display at Berlin’s Town Hall in Schöneberg<

EDEWA | Purchasing Cooperative of Anti-racist Resistance

History, Resistance, Interaction

Logo_Edewa

Berlin’s first touring exhibition EDEWA, the purchasing cooperative of anti-racist resistance, will be opening its doors for the second time starting on December 7th, 2013. The temporary supermarket offers history, resistance and interaction as elementary knowledge products: for free, without racisms and sexisms, but with additional empowering value.

The touring exhibition will be on display in the Golden Room of Berlin’s town hall as a part of the Tempelhof-Schöneberg district’s 2013 CrossKultur event series. At this location EDEWA follows in the footsteps of Dr. Martin Luther jr. and emphasizes the building’s historical significance which goes back to Germany’s colonial era.

Following up on the positive responses to the first exhibition tour in 2012, including an extended range of products, we continue to pursue an interactive approach. The shop costumers become exhibition visitors, the exhibition space becomes a re_constructed supermarket, and the products objects of critical discussion. At the same time, the visitors can learn from the historical resistance of individual feminists, which does not only stand in the tradition of Martin Luther King, but also addresses positions of Roma resistance.

We are happy to cooperate with artist and activist Marika Schmiedt. Posters of her exhibition “Thoughts are free. Anxiety is Reality for Roma in Europe” will be presented in our exhibition space and program. Filiz Demirova and Georgel Caldararu [from Der Paria. Politik von unten!] will complement the program on Friday, 13th of December, 2013, with an informational evening “WHY DO YOU WANT TO EAT US?” and an open discussion. The closing event will take place in cooperation with the multimedia-based school / youth group “Martin-Luther-King-Code-Project” under the direction of Saraya Gomis and Daniel Schmöcker on Saturday, 14th December, 2013.

Place of exhibition: Schöneberg Town Hall, U4 Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz 1

Opening hours:

Sun             2 pm – 5 pm
Mon            11 am – 4 pm
Tue – Fri    12 pm – 6 pm
Sat              4 pm – 6 pm

Contact for press and further questions , guided tours, photos etc.:

Natasha A. Kelly, edewa@gmx.de, phone number: 01738399132

More information: www.EDEWA.info
Facebook:              www.facebook.com/EDEWA2012

Program:

Vernissage Saturday 7th of December 2013, 6 pm. Opening by Natasha A. Kelly, project management EDEWA, and Jutta Kaddatz, municipal councilor for education, culture and sports

Friday 13th of December 2013, 6 pm. “WHY DO YOU WANT TO EAT US?” – Presentation and discussion with Filiz Demirova and Georgel Caldararu (Der Paria, www.derparia.wordpress.com, in cooperation with Marika Schmiedt, www.marikaschmiedt.wordpress.com)

Closing event Saturday 14th December 2013, 6 pm. Guest talks by members of the King-Code project group under the direction of Saraya Gomis and Daniel Schmöcker (online at www.king-code.de)

In cooperation with

Berlin District Office of Tempelhof-Schöneberg
Dept. Education, Culture and Sports
Office for Continuing Education and Culture
Decentralized Cultural Work

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CrossKultur 2013 – an event series
by the District Office of Tempelhof-Schöneberg
http://www.cross-kultur.de/

Logo_CrossKultur2013

Stellungnahme von Edewa zur Abschaffung des N-Worts

talk-talk-show für den bla-bla-kampf“*

Das N-Wort wird abgeschafft! Diesen Meilenstein der Schwarzen Geschichte wollen wir, EDEWA, gemeinsam mit den Schwarzen Communities in Deutschland feiern! Wir wollen nicht länger diskutieren, ob das N-Wort aus unserem Wortschatz gestrichen werden soll (oder nicht) und fordern in Solidarität mit den betroffenen Gruppen eine rechtlich verbindliche Vorgabe, die seine Verwendung untersagt.

Die Debatte um das N-Wort wird seit vielen Jahren innerhalb Schwarzer Communities nicht nur in Deutschland, sondern u. a. auch in Frankreich und in den USA geführt und ist alles andere als „neu“. Es geht hierbei nicht einfach nur um eine harmlose Bezeichnung, sondern um eine rassistische Beleidigung auf der sprachlichen Ebene, das wiederholte Aufrufen rassistischer Bilder auf der kognitiven Ebene und eine Markierung konstruierter Hautfarbe auf der visuellen Ebene. Diese verwobene Vieldimensionalität führt durch die bloße Verwendung des Wortes zur Ausübung von Gewalt, da Sprache, Denken und auch Sehen im konstruktivistischen Sinne Handlungen sind und nicht der strukturalistischen Annahme entsprechend gegenstandslos.

die links alternative tageszeitung – die sogenannte / braucht z.b. etwa zwei seiten für internationales / im vergleich zu etwa sieben seiten für deutsch-deutsches“*

Die kurz vor seinem Tod getroffene Entscheidung Ottfried Preusslers, das N-Wort und auch die rassifizierte Fremdbezeichnung „Zigeuner“ aus seinem Buch Die kleine Hexe zu streichen, führt jedoch zu einer neuen Debatte und zahlreichen Artikeln in den weißen deutschen Medien, die sich gerne selbst als „links“ bezeichnen. Einzelne Verlage folgen dem Beispiel Preusslers (in Pippi Langstrumpf gibt es nun Südseekönige und keine N-Könige mehr), andere verstricken sich in die medial geführten, weiß dominierten Diskussionen, in denen über Definitionsmacht und Zensur diskutiert wird, ohne darauf zu achten, dass das Definitionsmachtkonzept nicht aussagt, dass dominante Gruppen ihre Macht abgeben, sondern vielmehr deprivilegierte Personen und Personengruppen als Definierende und Wissen(schaffen)de anerkannt werden.

Dieser verdrehte Fokus auf die weiße Position und darauf, ob und wann überwiegend weiße Medien kritisch ihren eigenen Rassismus reflektieren und auf die Verwendung solcher rassistischen Worte verzichten, ist absurd und blendet die Schwarze Perspektive auf deutsche Geschichte systematisch aus. Denn weiße werden nicht gemeint, wenn von N. die Rede ist. Ebenso wenig wird mit dem N-Wort gegen People of Color, die nicht zur Schwarzen Gruppe gehören, Gewalt ausgeübt, weshalb sie in diesem Fall nicht direkt vom Rassismus betroffen sind. Im Gegenteil: Nicht-Schwarze PoCs verhandeln genauso wie weiße diese Thematik „von außen“ und sollten daher in Solidarität zu ihren Schwarzen Verbündeten stehen, welche das Gewaltpotenzial des Begriffs direkt erleben und daher die Verwendung des N-Wortes mehrheitlich ablehnen. Und ebenso wenig wie PoCs auf eine Gruppe reduziert werden können, können die Schwarzen Communities in Deutschland homogenisiert werden – sie sind heterogen und vielfältig, keine einzelne Person kann für alle sprechen. Dennoch herrscht in diesem Kontext Einigkeit.

zusammen mit aktivistInnen und politikerInnen / mit prominenten und engagierten / diskutieren analysieren debattieren wir“*

Zum traurigen Höhepunkt der Debatte kommt es jedoch auf der Podiumsdiskussion des taz.labs. Der Titel der Veranstaltung, „Meine Damen und Herren, liebe N-Wörter und Innen!“ lässt bereits vermuten, dass es hier nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung gehen wird, sondern um rassistische Provokation und darum, dass die allseits bewährte Argumentation „Schwarze seien zu empfindlich“ unter Beweis gestellt werden soll. Es geht dabei auch nicht um gut gemeinte Tabubrüche. Vielmehr zeigen der Moderator und einige Podiumsgäste durch das ständige Wiederholen des N-Wortes, dass sie nicht solidarisch mit den Schwarzen Communities sind und auch keinerlei Verantwortung übernehmen wollen, die eigenen sozialen Positionierungen zu überdenken. Es wird deutlich, dass es keinerlei Bestrebungen zur Reflexion des eigenen Handelns gibt, in diesem Fall seitens des Autors/Moderators der Veranstaltung. Auch seine nach der Veranstaltung veröffentlichten Artikel verdeutlichen dies einmal mehr.

Denkbar schlecht ist zudem die Einleitung der taz.lab-Debatte über das Thema Gender, da Genderkonstruktionen auf der Grundlage von rassistischen Kategorisierungen geschaffen werden und nicht umgekehrt. „Wissenschaftliche“ Untersuchungen vermeintlicher „Rassenforscher_innen“ an Schwarzen „Versuchsobjekten“ führen erst zur Herausbildung von biologisierten Geschlechterdifferenzierungen – eine Tatsache, die in den weiß-geprägten Gender Studies gerne „übersehen“ wird. Erneut werden Schwarzes Wissen und Schwarze Geschichte vereinnahmt und als weiß ent_konzeptualisiert. Des Weiteren werden in diesem Kontext (immer wieder gerne) Unterdrückungsverhältnisse universalisiert. So wird Homosexualität als Abweichung von einer pathologisierten weißen Norm oft mit Schwarzsein gleichgesetzt und nicht berücksichtigt, dass es auch Schwarze homosexuelle Menschen gibt oder dass Rassismus und Sexismus für Schwarze Frauen interdependent, d.h. untrennbar miteinander verbundene, spezifische Diskriminierungserfahrungen sind. Misslungen ist auch das Ende der taz.lab-Diskussion mit einem Zitat von Martin Luther King jr., das, wie irrtümlich behauptet, nicht ausschließlich Schwarze US-Geschichte, sondern vielmehr Weltgeschichte ist.

die >lieben ausländischen mitbürgerInnen< / obwohl oder weil / noch immer ohne bürgerrechte“*

Die Tatsache, dass die taz.lab-Diskussion in einem Eklat endet, die einzige Schwarze Podiumsteilnehmerin sowie zahlreiche Publikumsgäste die Veranstaltung vor Ende verlassen, bietet Anlass die „talk-talk-show für den bla-bla-kampf“* anderenorts fortzuführen. Während beispielsweise in der Heinrich-Böll-Stiftung bei einer weiteren Podiumsdiskussion über den rassistischen Sprachgebrauch in Zeitungen gesprochen und damit wieder die weiße rassistische Erziehung ins Zentrum gerückt wird, kommt es zeitgleich am Oranienplatz in Berlin zu einem rassistischen Mordversuch an einem Schwarzen Aktivisten des Refugee Protest Camps, der im Zuge der Tat als N. beschimpft wird. Hier wird wieder einmal mehr deutlich, dass Diskussionen über Sprachhandlungen zwar wichtig sind, allerdings nicht unmittelbar vor rassistischen Übergriffen schützen, die gesellschaftlicher Alltag für Schwarze Menschen, Roma und weitere People of Color in Deutschland sind.

und dann – was dann“*

Während dieser Diskussion wird zwar über vergangene Zeiten gesprochen, in denen das N-Wort seine rassistische Bedeutung bekam, dabei wird aber vergessen bzw. gar nicht erst berücksichtigt, dass die Kolonialität dieser vergangenen Zeiten bis heute wirkmächtig ist und dass Deutsche nicht ausschließlich weiß sind. Vielmehr wird der historische Kontext völlig außer Acht gelassen: Die Definition des weißen Deutschen und dessen, wer sich als deutsch bezeichnen darf, entstammt den sogenannten „Mischehegesetzen“ der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika, wo auch die menschenverachtende „Residenzpflicht“ seine zweifelhafte Legitimation fand. Die neokolonialen Politiken Deutschlands in Deutschland und auf dem afrikanischen Kontinent in der heutigen Zeit finden in der Diskussion nicht ihren berechtigten Platz. Es wird ent_erwähnt, wo und wann die Ursprünge des Rassismus von heute geschaffen wurden, dass Imperialismus auf Versklavung und Kolonialismus beruht. Wo wäre Europa heute ohne Afrika?

EDEWA fragt nach dem Sinn derartiger Veranstaltungen, denn es gibt bereits umfassendes Material zur N-Wort-Debatte von Schwarzen Autor_innen und Schwarzen Wissenschaftler_innen, zur Bedeutung rassistischer Fremdbezeichnungen und zu gewalttätigen Stereotypen, dem dringend Beachtung geschenkt werden sollte. Statt diesen Quellen Aufmerksamkeit zu geben, wird der Protest gegen rassistische Äußerungen, sei es im taz.lab oder bei anderen Gelegenheiten, skandalisiert und damit die Protestierenden zu Täter_innen gemacht. Diese Täter_innen-Opfer-Umkehr wird im Handeln des Moderators besonders deutlich, wenn er sich selbst als Person of Color komplizenhaft in die rassistische Struktur Deutschlands einreiht und im selben Atemzug die intervenierenden Publikumsmitglieder als Störenfriede hinstellt.

die forderungen / werden sauber / aufgelistet / die listen / werden sauber / abgeheftet“*

Die gleiche Debatte um Sinnhaftig- oder Sinnlosigkeit wird in Bezug auf Critical Whiteness geführt – als hätten weiße Menschen das alleinige Entscheidungsrecht darüber, was rassistisch ist und wer durch die Verwendung von rassistischen Fremdbezeichnungen verletzt wird bzw. werden kann. Doch woher kommt Critical Whiteness überhaupt? Und für wen ist sie relevant? Ursprünglich ging Critical Whiteness aus dem aktiven Widerstand Schwarzer Menschen gegen Versklavung und Unterdrückung hervor. Dafür brauchte es keine Erlaubnis von weißen Menschen und daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Gleiche gilt für die Abschaffung des N-Wortes. Abgesehen von der Besetzung der Moderatorenrolle mit einer nicht-Schwarzen Person of Color macht es wenig Sinn, eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema mit PoC zu besetzen, die nicht den Schwarzen Communities angehören, um über die rassistische Fremdbezeichnung Schwarzer Menschen zu diskutieren.

die show ist aus / wir gehen nach haus“*

Wie das Beispiel der taz.lab-Veranstaltung zeigt, bedeutet eine nicht-weiße Positionierung nicht automatisch antirassistisches Handeln. Auch PoC, die in weißen Räumen sozialisiert wurden, müssen ihre dadurch erlangten rassistischen Denkmuster reflektieren. Das Gleiche gilt für Schwarze Menschen, die genauso wenig alleine durch ihr Schwarzsein zu Antirassismusexpert_innen werden. Daher ist Critical Whiteness mitnichten nur für weiße Menschen, sondern genauso für Schwarze, Roma und weitere PoC relevant. Der Fokus sollte jedoch auf alle sozialen Positionierungen gerichtet sein und nicht nur auf die weiße, denn die einzelnen Perspektiven sind zwar sehr unterschiedliche, stehen aber in Abhängigkeit zueinander.

Critical Whiteness sollte ebenso in und von der Medienwelt beachtet werden. Es ist offensichtlich, dass es nicht ausreicht, sich selbst oder eine Zeitung als „links“ zu verkaufen und trotzdem weiter unhinterfragt Rassismus zu re_produzieren, wie es nicht nur die taz, sondern auch die jungle world nach dem Besuch unserer Ausstellung tat. Das ursächliche Problem hierbei sind jedoch nicht einzelne Personen oder Medien, es ist vielmehr ein strukturelles, denn Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem und geht uns alle an. Um dem zu entgegnen, müssen Journalist_innen ihren selbst gesetzten Standards gerecht werden und diese gegebenenfalls verändern oder erweitern.

Es ist im Übrigen nicht die Aufgabe von Schwarzen, Roma und weiteren PoCs, auf die weißen Mainstream-Medien zuzugehen, sondern umgekehrt. Autor_innen und Organisator_innen von vergleichbaren Veranstaltungen sollten aufmerksamer recherchieren, das widerständige Wissen, das seit Langem existiert, nutzen und sich May Ayims Worte zu Herzen nehmen:

zu besonderen anlässen / und bei besonderen ereignissen / aber besonders / kurz vor / und kurz nach den wahlen / sind wir wieder gefragt / werden wir wieder wahrgenommen / werden wir plötzlich angesprochen / werden wir endlich einbezogen / sind wir auf einmal unentbehrlich / werden wir sogar / eingeflogen / auf eure einladung versteht sich“*.

Egal also, was „geredet“ wird – EDEWA feiert in Solidarität mit den Schwarzen Communities, dass das N-Wort aus deutschen Kinderbüchern gestrichen wird. Wer feiert mit?

* zitiert aus May Ayim, „gegen leberwurstgrau – für eine bunte republik. talk-talk-show für den bla-bla-kampf in: blues in schwarz weiß. Gedichte; S.62 ff. 4. Aufl. Berlin: Orlanda Verlag. 2005.

Stellungnahme von Edewa zu faschistischen Attacken in Linz / Statement by Edewa about fascist attacks in Linz

[English below]

Stellungnahme von Edewa zu faschistischen Attacken in Linz

Edewa – Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes bezieht kritisch Stellung zu den faschistischen Attacken im Zuge der Ausstellung „Die Gedanken sind frei – Angst ist Alltag für Roma in Europa“ der Künstlerin und Aktivistin Marika Schmiedt, die am 14.04.2013 in Linz, Österreich, an einem öffentlichen Baustellenzaun eröffnet werden sollte.

Marika Schmiedt dokumentiert in ihrer Arbeit die Situation von Roma in Europa und benennt die Kontinuitäten seit der NS-Zeit; dabei weist sie u.a. auf die faschistoiden Zustände in Ungarn hin. Sie thematisiert in ihrer Arbeit, z.B. Filmen, auch die Ermordung ihrer Großmutter in einem Konzentrationslager der Nazis und die Folgen der Ermordung und Verfolgung für ihre Mutter. Mit ihrer teils autobiographischen Arbeit und Dokumentation der antiromaistischen Kontinuitäten nimmt sie eine widerständige Position ein.

Wir sind schockiert davon, dass im Angesicht der zunehmenden Verfolgung von Roma in Europa diese Position zensiert wird und ihre Arbeit skandalisiert und sogar u.a. von offiziellen Stellen zerstört wird. Wir finden es unzumutbar, dass sie sich für ihre Kunst rechtfertigen muss während rechtsradikale Parteien wie die ungarische Jobbik-Partei ungehindert weiter ihre Ideologie ausleben können. Durch rechte Propaganda auf z.B. ungarischen Internetplattformen sind jetzt Rechtsradikale auf Marika Schmiedt aufmerksam geworden.

Wir vertreten die Auffassung, dass eine Kritik an der Realität stattfinden sollte und nicht eine Umkehrung, in der Roma als rassistisch dargestellt werden, wenn sie diese unhaltbaren Zustände kritisch thematisieren. Dies ist z.B. geschehen als in Linz Passant_innen die Darstellung dieser Zustände nicht ertragen konnten. Wir finden es erschreckend wie wenige antirassistische Initiativen sich zu den Vorfällen kritisch positionieren.

Die Edewa-Gruppe (www.edewa.info)

Weitere Informationen:

http://marikaschmiedt.wordpress.com/2013/04/16/vernissage-am-baustellenzaun/

http://derparia.wordpress.com/2013/05/05/aufruf-zur-internationalen-soldaritat-mit-roma/

http://www.fro.at/article.php?id=6205

http://jasminatumbas.wordpress.com/2013/04/18/marika-schmiedts-exhibition-at-construction-site-in-linz-austria-posters-ripped-down-the-artist-threatened-and-attacked-at-opening-by-outraged-hungarian-nationalist-and-her-austrian-husband/

 

Statement by Edewa about fascist attacks in Linz

EDEWA – The Purchasing Cooperative of Anti-Racist Resistance takes a critical stand against the fascist attacks during the exhibition “Thoughts are free – Anxiety is Reality for Roma in EUrope” by the artist and activist Marika Schmiedt, which was supposed to be opened on April 14th, 2013, at a public construction site fence in Linz, Austria.

In her work, Marika Schmiedt documents the situation of Roma in Europe and points to the continuities of fascist conditions – powerful ever since National-Socialist times – and their current manifestations in Hungary. In her work, e.g. film-making, she deals with the murder of her grandmother in a Nazi concentration camp and shows the effects of the persecution and murder on her daughter, the filmmaker’s mother. With her partly autobiographical work and documentation of anti-Romaistic continuities, Marika Schmiedt takes a deliberate position of resistance.

We are deeply shocked that, particularly in the face of the increasing persecution of Roma in Europe, her position is being censored and her work scandalized and even destroyed by, besides others, official institutions. We find it unacceptable that she is forced to justify her work while radical right-wing parties, like the Hungarian Jobbik party, can continue to act out their ideologies unhindered. As a result of right-wing propaganda via e.g. Hungarian online platforms, Marika Schmiedt has currently been brought to right-wing extremists’ attention.

We are of the opinion that criticism of reality should take place, instead of its reversal, where Roma who are critical of, and call attention to, the unacceptable conditions are accused of being racist. This happened in Linz, for instance, when pedestrians could not bear representations of these conditions. We find it highly alarming that so few anti-racist initiatives take a critical stand against these incidents.

The Edewa-Group (www.edewa.info)

We thank Jasmina Tumbas for translation support!

For more information, see:

http://marikaschmiedt.wordpress.com/2013/04/16/vernissage-am-baustellenzaun/

http://derparia.wordpress.com/2013/05/05/aufruf-zur-internationalen-soldaritat-mit-roma/

http://www.fro.at/article.php?id=6205

http://jasminatumbas.wordpress.com/2013/04/18/marika-schmiedts-exhibition-at-construction-site-in-linz-austria-posters-ripped-down-the-artist-threatened-and-attacked-at-opening-by-outraged-hungarian-nationalist-and-her-austrian-husband/

I Step on Air – Oxana Chi

Oxana Chi: Concept, Choreography, Dance
Layla Zami: Text (May Ayim), Saxophone, Kalimba, Sounds (inspired by Haruka Fujii)
Produced in Cooperation with EDEWA 2012.
Videoaufnahme von der Generalprobe im Rroma Aether Klub Theater, Berlin 2013
English below

Die zeitgenössische feministische Schriftstellerin May Ayim (geb. 1960 – gest. 1996) schrieb in ihren Gedichten, was viele Schwarze Menschen und PoCs fühlen, denken und erleben. Sie gab dem oft Unsagbaren eine Stimme und setzte diesen Buchstabe für Buchstabe in die Öffentlichkeit. Schwungvoll einen Augenblick ihrer Persönlichkeit – zwischen außergewöhnlicher Stärke und Offenheit und schmerzender Gefangenschaft – zu erhaschen, berührt die Tänzerin mit ihrem Fuß die Luft und setzt entschlossen die erste Spur auf den Boden. Die Bewegungsstruktur den Betrachtenden ohne Bevormundung und Belehrungen näher zu bringen, ist der Ausgangspunkt, aus dem die Tänzerin Oxana Chi federleicht hinaus springen wird.

Von Europa nach Afrika, vor und zurück, nach Asien und Amerika und vor, vor und zurück, zick, zack. Die Performance „I step on air“ schlängelt sich an Mays Gedicht „leberwurstgrau“ entlang und mündet „in einer bunten republik“? Vielleicht…

***

Ghanean-German feminist poet, performer & activist May Ayim (1960 –1996) wrote in her poetry what many black people & other PoC feel, think and experience. Today her voice is gone but her memory is alive in this dance performance where Oxana Chi steps full of spirit to the versatile sounds of Layla Zami, leaving in the air footprints of Mays life: from unusual power to painful captivity. Discover transcultural german past & present through new movement & sound experiments… Moving smoothly back & forth from Europe to Africa, to Asia & America, back & forth, zick, zick, zack!

Rehearsal filmed in Berlin 2013
Past dates : Black History Month Berlin, feministische w_orte Book Release & Art Salon, Black Basar Festival, Homestory Deutschland Hamburg, Rroma Aether Klub Theater, EDEWA 2012 Exhibition & Festival

Rückblick: EDEWA Einkaufsgenossenschaft antirassistischen Widerstandes

Im November 2012 eröffnete Berlins erste Wanderausstellungsfiliale EDEWA, die Einkaufsgenossenschaft des antirassistischen Widerstandes; der temporäre Supermarkt, der Geschichte, Widerstand und Interaktion als elementare Wissensprodukte bietet: kostenlos, ohne Rassismen und Sexismen und mit empowerndem Mehrwert.

Die Projektgruppe hinter EDEWA besteht aus Menschen diverser sozial-politischer Positionen und Lebensrealitäten. Die Gruppe setzt sich aus Schwarzen, Roma, weißen sowie LesbenTrans*Frauen Positionen zusammen. Grundstein für die Intervention in Form dieser Ausstellung legte Natasha A. Kelly, die sich selbst als Schwarze Deutsche positioniert. Sie ist Kommunikationswissenschaftlerin, Doktorandin, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien (Gender Studies) an der HU Berlin und langjährige Aktivistin der Schwarzen deutschen Bewegung. Aus diesem Grund wollte sie  für und durch EDEWA eine Verbindung zwischen der Universität als Institution und zu Selbstorganisationen außerhalb der Uni herstellen. Sie leitete das Seminar „May Ayim – Schwarze Deutsche Feministin?“, das in zwei Teilen im Wintersemester 2011/12 und im Sommersemester 2012 stattfand. Ziel des Seminars war es, die Perspektive auf Geschichte und Gegenwart umzukehren, so dass Schwarzes Wissen und Wissensproduktionsprozesse sichtbar und im universitären Kontext institutionalisiert werden können. Im Vordergrund sollte nicht ausschließlich die Person May Ayim stehen, sondern ihre gesellschaftliche Position als Schwarze Frau in Verbindung mit der Frage, wie das Konzept „Feminismus“ in der deutschen Wissenschaft verhandelt wird.

Die Beschäftigung der Student_innen mit ihren sozial-politischen Positionierungen und kritischen Verortungen waren wichtige Bestandteile des Seminars und verdeutlichten dass Rassismus&Sexismus zum gesamtgesellschaftlichen Alltag in Deutschland gehören. Zu betonen ist dabei die Untrennbarkeit/Interdependenz von Rassismus&Sexismus für Schwarze Frauen und Roma Frauen. Auch die weiß positionierten Seminarteilnehmer_innen sollten ihre Verantwortung erkennen, da der Verbund von Rassismus&Sexismus kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Besonders die Auseinandersetzung mit Kritiken am weißen Feminismus sowie mit Konzepten von Critical Whiteness leisteten hier einen wichtigen Beitrag zu unserem gemeinsamen Projekt. Auf der Suche nach den Ursachen für strukturellen und institutionellen Rassismus&Sexismus wurde eine andauernde Kolonialität sichtbar, deren Machtstrukturen es aufzubrechen gilt. So bot das Modul „Interventionen“ den richtigen Rahmen, um durch praktische Interventionen in bestehende Strukturen einzugreifen. Aus diesem Interventionsseminar wuchs die Idee des antikolonialen Supermarktes EDEWA als Wanderausstellung, der durch Perspektivumkehr Lebens- und Widerstandsgeschichten thematisiert, denen im weißen Mainstream kein Platz eingeräumt wird.

Die Intervention begann mit einem offenen Brief an die Edeka-Gesellschaft, die sowohl im deutschen Kolonialismus wie auch im Nationalsozialismus enge wirtschaftliche und ideologische Verbindungen zu den jeweiligen Herrschaftssystemen, die auf white supremacy basier(t)en, pflegte, und davon weiterhin profitiert. Diese Verflechtungen finden sich bis heute in Vermarktungskonzepten, Produktnamen, Werbung sowie in der Wahrnehmung und der Darstellung der Unternehmensgeschichte wieder. Anlass für den Brief war die Umbenennung eines Produktes in eine rassistische Bezeichnung, die hier unausgesprochen bleiben soll, welche wir in einzelnen Berliner Edeka-Filialen fanden. Vom Hersteller war das Produkt neutral als „Sonntagswaffeln“ deklariert. Dass die neugewählte Bezeichnung rassistisch ist, wurde von den Verantwortlichen nicht berücksichtigt. Eine Reaktion auf den Brief erhielten wir bis zum heutigen Tag nicht. Dies bietet Anlass dazu, die Vermarktungsprozesse in der Darstellung in einer von uns erstellten Produktpalette perspektivisch umzukehren, so dass wirkmächtige Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse sichtbar zum Ausdruck gebracht werden. Gleichzeitig bietet der Raum eines Supermarktes, der von allen Menschen aller gesellschaftlichen Zugehörigkeiten täglich besucht wird, die Möglichkeit, antirassistischen und antisexistischen Widerstand einzelner Gruppen wahrnehmbar zu machen und die historischen Kämpfe einzelner Feministinnen zu erleben.

Daher war es notwendig, das Schweigen – im Sinne der Schwarzen US-amerikanischen Aktivistin Audre Lorde – zu brechen und stattdessen zu handeln, denn „niemand außer uns selbst wird uns befreien, hier wie dort. So ist unser gemeinsames Überleben nicht zu trennen, selbst wenn die Bedingungen, unter denen wir kämpfen, voneinander abweichen.” (Audre Lorde, 1986, In: Apartheid USA, S. 40). Audre Lorde ist neben May Ayim, Delia Zamudio und Panna Czinka eine der Hauptprotagonistinnen unserer Ausstellung.

Programm und Orte

EDEWA ist konzeptionell multimedial und performativ zu verstehen. Die Vermittlung der Inhalte und politischen Kämpfe richtet sich also auch an diesem breitgefächerten methodischen Konzept aus. Schon früh in der Vorbereitungsphase der Ausstellung wurden die Schwarzen Performancekünstlerinnen Oxana Chi und Layla Zami, welche schon viele Jahre als Tänzerinnen, Filmemacherinnen und Kuratorinnen arbeiten, Teil des Projektes. Beide konzipierten die dreiteilige Performance „I step on air“, mit der sie die gesamte Ausstellung begleiteten. Sie zeigte das widerständige Leben und die Kunst May Ayims und verband Begegnungen mit den anderen drei Protagonistinnen und deren Biografien. Jede Aufführung konnte so an die wechselnden Veranstaltungsorte angepasst werden.

Watch: Oxana Chi – I step on air

Bei der Auswahl der Veranstaltungsorte war es uns wichtig, mit selbstorganisierten Gruppen und Vereinen zusammenzuarbeiten, die basispolitische und emanzipatorische Arbeit leisten und thematisch kohärent zu den dargestellten Protagonistinnen/Positionen sind. Die thematischen Schwerpunkte der verschiedenen Ausstellungsstationen richten sich daher sowohl nach dem jeweiligen Veranstaltungsort/-rahmen als auch nach den in der Gruppe vertretenen sozial-politischen Positionen. Auf diese Weise war es uns möglich, eine Verbindung zwischen universitären und außeruniversitären Wissensproduktionsprozessen herzustellen.

Die Premiere fand beim Bund für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (BDB) statt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Diskriminierung und Ausgrenzung von Angehörigen sogenannter ‘Minderheiten’, besonders im Zusammenhang mit rassistischen Übergriffen, zu überwinden und Beratung, Trainings, Bildung, Lobbyarbeit und Vernetzung anbietet. Der Schwerpunkt dieser ersten Station der Ausstellung waren Schwarze Deutsche / Afrodeutsche und ihr Widerstand, der in Redebeiträgen von Natasha A. Kelly, Yonas Endrias, Francois Tendeng und einer Führung durch die Ausstellung mit Sarah Mouwani aufgegriffen wurde. Diese Personen gehören alle der Schwarzen Community in Deutschland an. Anschließend folgten ein Bühnenprogramm mit A Capella Swing der Schwarzen US-amerikanischen Entertainerin Corina Kwami und die Tanzperformance „I step on air“ von Oxana Chi und Layla Zami. Die Resonanz war überwältigend und brach im Verlauf der gesamten Wanderung nicht ab.

Zweiter Ausstellungsort war das Rroma Aether Klub Theater. Thematische Schwerpunkte waren hier sowohl Roma als auch das Wirken und die Biografie der Roma-Musikerin Panna Czinka. Das Theater ist seit der Gründung im Jahr 2006 ein kulturelles Zentrum für u.a. zahlreiche Theaterproduktionen, Veranstaltungen, Ausstellungen und Treffpunkt für Roma aus Berlin. Das Programm bestand aus einem Vortrag zum alltäglichen Antiromaismus im Universitätsbetrieb und zur Situation von Roma in Europa sowie einer Führung mit der Roma-Aktivistin Filiz Demirova. Darauf folgte die Tanzperformance „I step on air“, die im zweiten Teil um Elemente aus dem Leben und Widerstand Panna Czinkas erweitert wurde. Der Abend klang mit Roma Livemusik von Aristica Pitigoiu und Ansamblul oltenilor din Berlin aus, die Angehörige der rumänischen Lautari-Szene sind. Zusammen mit dem berühmten Ansamblul Maria Tanase sind sie in den 1990ern auf Weltbühnen aufgetreten.

Die vorerst letzte Station der Wanderausstellung war das Casa Latinoamericana, ein Verein, der sich um Völkerverständigung zwischen Deutschland und dem so genannten „Lateinamerika“ bemüht und dabei auf bildungsbezogene kulturelle, politische und soziale Inhalte setzt. Der Schwerpunkt lag hier auf Leben und Wirken der Schwarzen peruanischen Gewerkschafterin Delia Zamudio. Das Programm bot Redebeiträge von Natalie Wagner (weiße Aktivistin in Berlin) zum Thema ‘weißsein sichtbar machen’, Luis Daniel Reyes Rey (weißer Kolumbianer und Student in Berlin) zu ‘Kritische Reflexionen über europäischen Kolonialismus und die Bedeutung von weißsein in Abya Yala’ und Zaphena T. Kelly (Afrodeutsche Schülerin), zu ihrem einjährigen Aufenthalt in Peru und dem Verhältnis von Schwarzsein und weißsein im südamerikanischen Kontext. Außerdem gab es Musik von Byron Carrasco (Student und Musiker aus Ecuador) und den abschließenden Teil der Tanzperformance von Oxana Chi und Layla Zami, der die biografischen Eindrücke und politische Kämpfe Delia Zamudios mit den Biografien der anderen Protagonistinnen verwob. Durch die Ausstellung, die auf Englisch, Deutsch und Spanisch angeboten wurde, führte diesmal Natalie Wagner.

Ausstellungsobjekte: Porträts & Widerstandsgeschichten

Da wir einen entscheidenden Teil unserer Arbeit und Ausstellung mit der Vermittlung von und Auseinandersetzung mit widerständigen Biografien und narrativen Wissensproduktionen verbinden, stehen bei EDEWA Akteur_innen of Color, Roma und Schwarze Frauen des Widerstandes im Vordergrund. Ihre Lebensgeschichten und ihr politisches Wirken sind analytischer Zugang und Inspiration, um alltäglichen Rassismus&Sexismus in Deutschland zu kritisieren.  Die Auswahl an porträtierten Protagonist_innen sollte hier als eine erweiterbare Selektion verstanden werden. Das knüpft an unsere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Feminismuskonzepten und Widerstandsformen an. Die vier Aktivistinnen, deren politisches Wirken in Form von Widerstandsgeschichten und Biografien aktuelle Bestandteile der Ausstellung sind, wurden teils aufgrund ihrer Verbindungen zum deutschen Kontext gewählt.

Aktuell sind Portraits zu sehen von May Ayim, der Namensgeberin des initiierenden Seminars. Ayim war eine wichtige Afrodeutsche Aktivistin, Lyrikerin, Logopädin und Erziehungswissenschaftlerin und arbeitete an der Kritik zu weißem ‘deutschen’ Kolonialismus und ist Mitinitiatorin der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Ein weiteres Porträt widmeten wir Audre Lorde, US-Afroamerikanische Feministin, die sich selbst als Black Lesbian Feminist Mother Warrior Poet positioniert und die Afrodeutsche Bewegung angestoßen hat. Ihre Kritik an der Rezeption und Theoriebildung von Feminismus durch weiße Feminist_innen brachte uns im vorangehenden Seminar an den Punkt, uns mit den Positionen verschiedener Schwarzer Communities und deren feministischen Bewegungen auseinanderzusetzen. Feminismus ist an stetige Verhandlungsprozesse und Kämpfe gebunden. Resultierend aus dieser Auseinandersetzung wurde ein Porträt von Delia Zamudio erstellt, einer peruanischen Schwarzen Feministin, die im Gewerkschaftskampf Widerstand gegen den deutschen Chemiekonzern Schering (heute Bayer Pharmaceuticals) und seine rassistische, sexistische Arbeitspolitik leistet. Unter dieser Vorgabe ist auch das Porträt von Panna Czinka zu sehen, einer Roma Frau und Musikerin aus Ungarn des 18. Jahrhunderts, die mit 17 Jahren eines der ersten ungarischen Roma Ensembles gründete und Primas, d.h. Leiterin einer Männerkapelle war. Sie widersprach allen Genderkonventionen/Geschlechterrollen und nutzte die rassistischen Konstruktionen und Erwartungshaltungen gegenüber Roma Frauen und spielte mit dem Erlaubten und Unangebrachten.

Das Porträtieren der Feministinnen und einzelner Widerstandsgeschichten ist zusammen zu begreifen und wird auch so gemeinsam in der Ausstellung visuell dargestellt. Die Widerstandsgeschichten knüpften sowohl an das Wirken der porträtierten Aktivistinnen als auch an die Arbeit des BDB e.V., Rroma Aether Klub Theater sowie des Casa Latinoamericana an. Schon in der Vorbereitung zur Ausstellung und inhaltlichen Ausarbeitungsphase bezogen wir in unsere thematischen Gruppenarbeiten die bereits geleisteten Interventionen und antikolonialen Bestrebungen der Communities of Color, Roma und Schwarzen Communities mit ein. So sind die politischen Kämpfe von May Ayim, Audre Lorde, Delia Zamudio und Panna Czinka als untrennbare Teile historischer und starker Widerstandsbewegungen gegen bestehende Unterdrückung und gewaltvolle Machtstrukturen verbunden. Die Genese aus diesen Ansätzen bietet Empowerment und Strategien der Subversion von Unterdrückung und Machtstrukturen.

Ausstellungsobjekte: Brief, Kühlschrank, Produkte (Warenregal)

Die Ausstellungsobjekte verbinden viele Ansätze sich dem Thema kritisch zu nähern. Neben dem Brief an Edeka zeigt ein Kühlschrank beispielhaft, wie Rassismus&Sexismus im Alltag konserviert und re_produziert werden. Auf der Kühlschranktür wird einleitend die Geschichte des deutschen Kolonialismus und Kolonialwarenhandels thematisiert. Die Produkte innerhalb des  Kühlschranks beleuchten die Alltäglichkeit von visuellem und sprachlichem Rassismus&Sexismus in Supermärkten.

Der interaktive Charakter von EDEWA wird bei unserer Produktpalette besonders deutlich. Die antikolonialen und rassismuskritischen Produkte sind zum Anfassen und Diskutieren. Sie sollen durch widerständiges Wissen und beispielsweise Poesie den ‘normierten’ weißen Blick der hegemonialen Mehrheitsgesellschaft herausfordern und die_den Betrachter_in zum Nachdenken anregen. Besucher_innen sollen inspiriert werden, die Wahrnehmung und das Konsumverhalten zu reflektieren und den nächsten Supermarktbesuch kritischer anzugehen. Die meisten Produkte wurden inspiriert von alltäglichen rassistisch-kolonialen Produktbezeichnungen, Bildern und Inhalten, die in Supermärkten zu finden sind. Dargestellt werden aber auch ‘typisch’ koloniale Produkte wie Kaffee und Schokolade, deren problematische und ausbeuterische Produktionsverhältnisse sowie rassistische&sexistische Vermarktung – über Verpackungswerbung und Produktbezeichnungen – angesprochen werden. Außerdem finden sich im Warenregal Produkte, die sich auf den Widerstand der porträtierten Aktivistinnen beziehen wie die Audre-Lorde-Brille, die Super Bödmann’s, die Geige, die Paprika Sauce und die RaSeKla_Mus Tabletten (nähere Infos im Ausstellungskatalog oder Online). Das Kreieren von Produkten, die die Perspektive umkehren, ist also auch der konsequente Schritt, weißsein als konstruierte ‘Norm’ sichtbar zu machen und herauszufordern.

Sprachhandlungen/Interaktive Workshops

Ein zentrales Anliegen ist es uns, rassistische&sexistische Sprache zu vermeiden, weshalb die sogenannten „Wegwerfboxen“ Teil des Supermarktes wurden. Denn im konstruktivistischen Verständnis wird Sprache als Handeln verstanden, weshalb die Verwendung von rassistischen&sexistischen Benennungen einen Gewaltakt darstellt. Über interaktive Frage-Antwort-Spiele werden die Begriffsgeschichten einzelner rassistischer Fremdbezeichnungen, die Teil öffentlicher Diskurse sind, dargestellt und kritisch hinterfragt. Fragen wie „Warum muss das „N-Wort“ aus unserem Sprachgebrauch eliminiert werden?“ oder „Warum hast du von Winnetou gehört, aber nicht von Goyáálé/Geronimo?” werden auf den Boxen gestellt – die Antworten sind hierbei „versteckt“ und die Besucher_innen können selbst entscheiden, ob sie die Boxen öffnen wollen, um eine Antwort zu bekommen. Die aktuelle Debatte um die Verwendung des N-Wortes in Kinderbüchern, zeigt, wie wichtig die Auseinandersetzung mit rassistischen Fremdbezeichnungen ist.  Aus diesem Grund gehören auch interaktive Workshops zum EDEWA-Konzept dazu. Die Teilnehmer_innen sind eingeladen, die ‚Produktpalette’ zu erweitern, Widerstand zu thematisieren und Einblick in die Arbeiten unserer Kooperationspartner_innen (Vereine und Organisationen) zu gewinnen. Auf diese Weise ist es möglich, sich über die Ausstellung hinaus kreativ und kritisch mit den unterschiedlichen Ausdrucksweisen von Rassismus&Sexismus auseinanderzusetzen.

Fazit/Ausblick

Unsere bei den Ausstellungen gesammelten Erfahrungen, die vielfältigen Lebensrealitäten der Besucher_innen und deren unterschiedliche Sensibilisierung unterstreichen die Notwendigkeit einer stärkeren Thematisierung des antikolonialen Widerstandes und des aggressiven und gewalttätigen Kolonialismus sowie Kolonialwarenhandels. Kolonialismus, Rassismus&Sexismus wirken alltäglich, in Kontinuität und immer in Verbindung zueinander. Sie können nicht getrennt betrachtet und müssen in ihrer Verwobenheit bekämpft werden. Der Widerstand ist ebenso (alltäglich) von weißen zu leisten, wie es von vielen Gruppen of Color, Roma und Schwarzen getan wird. Die anhaltende Kolonialität und Unterdrückung bedarf Interventionen, die koloniale Denk- und Handlungsmuster in Frage stellen und schließlich zu deren Abschaffung beitragen. Die Ausstellung ist gewollt nach dem „Work-in-Progress“-Prinzip für solche politischen Transformationen offen gehalten, sodass sowohl die Produktpalette als auch die Reihe der porträtierten Protagonistinnen und ihre Widerstandsgeschichten erweitert werden können. Die existentiell weiterhin bedrohliche Situation für unsere Kooperationsorganisationen zeigt auf, wie umkämpft ihre Räume sind; wodurch sie und ihre Projekte bedroht sind und von wem. Ihre Kämpfe, Kontroversen und Debatten bestärken uns weiterhin in unserer Arbeit, mithilfe von widerständigem Wissen und Strategien die Ausstellung zu konstituieren und ihre situierte, emanzipatorische Arbeit mit einzubeziehen. Hervorzuheben ist auch, dass Schwarze, Roma, PoC-Wissensproduktionen in die hegemonial geprägte Wissenschaft Eingang finden müssen, um die dortigen rassistischen&sexistischen Strukturen aufzubrechen und vermehrt Transferleistungen zwischen Theorie und Praxis herzustellen.

Wir sind mit der Wanderausstellung EDEWA über den universitären Rahmen hinaus gewachsen und haben vor, diese Arbeit fortzusetzen. Nach einer Auswertungs- und Reflexionsphase sind für das Sommersemester 2013 weitere Ausstellungen und Workshops geplant. Des Weiteren findet im kommenden Semester das Seminar „Visuelle Kolonialität: Die Ent_Wahrnehmung von sozialen Positionen in kolonialen Bildre_produktionen“ mit Natasha A. Kelly statt, das inhaltlich an Teile der Ausstellung anknüpfen und den Diskurs um die andauernde Kolonialität in Deutschland vertiefen wird.

Die EDEWA-Gruppe